Verdeckter Ringversuch: Hohe Fehlerquote in Asbest-Laboren

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Simon Schneebeli; April 10, 2020

In der Schweiz gibt es keine verbindlichen Anforderungen, die ein Labor erfüllen muss, um Asbest-Analysen anbieten zu können. Die "offizielle" Liste der Laboratorien, die Materialproben analysieren, basiert auf Selbstdeklaration und ist auf der Webseite des Forums Asbest Schweiz (FACH) publiziert. Gemäss der Liste verfügen 30 von den 34 aufgeführten Laboren über eine Qualitätsakkreditierung und nehmen demzufolge regelmässig an sogenannten «Ringversuchen» teil.

Was heisst in diesem Fall "Ringversuch"? Bei einem Ringversuch werden speziell zubereitete Materialmischungen untersucht und die Resultate anschliessend verglichen. Das erlaubt es einem Labor, seine eigene Qualität zu prüfen. Aber: Die teilnehmenden Labore wissen jeweils, dass es sich um einen Ringversuch handelt. Entsprechend werden diese Proben möglicherweise mit grösserem Aufwand analysiert, als sonst übliche Materialproben. Solche Ringversuche zeigen also nicht unbedingt, wie gut ein Labor im Normalbetrieb wirklich ist.

Um die wirkliche Qualität eines Labors beurteilen zu können, müssten die Proben von einer "normalen" Quelle kommen. Nur wenn im Labor nicht bekannt ist, dass es sich um einen Ringversuch handelt, werden die Proben gleich analysiert, wie alle anderen Materialproben auch. Ausserdem sollte es sich um "reale" Baumaterialproben handeln, nicht um Mischungen, die im Labor hergestellt wurden.

Der Ringversuch des FACH

Genau dies hat das FACH im Sommer 2019 gemacht: Es hat eine Reihe von Materialproben von echten Baustellen gesammelt und verdeckt an alle 34 Labore auf seiner Liste gesendet. Vorgängig wurden die Materialien mehrmals mit verschiedenen Methoden untersucht. Dies geschah in Zusammenarbeit den Labors der Suva und mit den anerkannten Referenzlaboren IFA und ÖSBS in Deutschland respektive in Österreich. Um keinen Verdacht zu schüren, wurden die Proben in zwei Lieferungen von unterschiedlichen fiktiven Auftraggebern versendet.

Dieser Ringversuch diente der Bestandesaufnahme. Beim Ringversuch wurden die Labore beauftragt mitzuteilen, ob die Proben Asbest enthalten. Die Bestimmung des Asbestgehalts oder der Asbestart waren nicht Teil des Auftrags. Die Resultate wurden den Laboren mitgeteilt, aber sie werden nicht offiziell veröffentlicht. Eine Zusammenfassung, welche die Labore erhalten haben, liegt unserem Bildungszentrum aber vor. Die wichtigsten Erkenntnisse sind folgende.

Fehlerquote im Durchschnitt

Die durchschnittliche Fehlerquote lag bei ca. 10 %. Im Durchschnitt wurde also eine von zehn Proben falsch analysiert (falsch positiv oder falsch negativ). Die Spannweite der Fehleranzahl ist aber gross: 

  • 0 Fehler: Immerhin 14 der 34 Labore (41.1 %) scheinen die Qualität im Griff zu haben und kamen bei allen Proben auf das richtige Resultat.
  • 1 Fehler: Weitere 7 Labore haben einen Fehler gemacht.
  • 2 bis 3 Fehler hatten 6, respektive 5 Labore. Dies entspricht bereits einer Fehlerquote von 15 respektive 23 %.
  • 4 Fehler: Zwei Labore hatten bei den 13 Proben des Ringversuchs 4 falsche Resultate (Fehlerquote von 30 %).

Graphik Fehlerquote der Labore

Fehlerquote in Abhängigkeit vom Material

Betrachtet man nur die asbesthaltigen Proben, wurde in 13 % der Proben der vorhandene Asbest nicht erkannt. Umgekehrt wurde nur in 4 % der asbestfreien Materialien Asbest nachgewiesen, das sind sogenannte «falsch-positive» Resultate.

Folgende Tabelle gibt an, bei welchen Materialien wie viele Fehler gemacht wurden.

Material

Anzahl Fehler

Fehler in %

Asbesthaltige Proben (falsch negative)

Fensterkitt

1

2.9 %

Asbest-Zement

0

0 %

Bodenbelagsplatte

1

2.9 %

Akustik-Platte

8

23.5 %

Rohrisolation

2

5.8 %

Gipsverputz

4

11.7 %

Wandputz

3

8.8 %

Steinholz (Magnesiastrich)

6

17.6 %

PVC-Bodenbelag

12

35.3 %

Proben ohne Asbest (falsch positive)

PVC-Bodenbelag

0

0 %

Verputz innen

2

5.8 %

Verputz innen

0

0 %

Verputz Decke

2

5.8 %

Durchschnitt Verputz ohne Asbest

 

3.9 %

Analysemethoden

Kein Zusammenhang lässt sich zwischen der Fehlerquote und dem verwendeten Analysegerät (PLM, REM oder TEM) feststellen. Eine entscheidende Rolle spielt wohl ob und wie die Proben aufbereitet wurden. Zur jeweils vom Labor verwendeten Probenaufbereitung, macht der Bericht des FACH aber keine Angaben. Auch geht aus den Resultaten des FACH nicht hervor, nach welcher Norm gearbeitet wurde.

Hingegen sieht es so aus, als würden Labore aus dem Inland weniger Fehler machen. Von den 34 Laboren haben zwölf ihren Sitz im Ausland und 22 in der Schweiz. Von den Laboren, die fehlerfrei gearbeitet haben, befinden sich 13 in der Schweiz und eines im Ausland.

Die Resultate einordnen

Wie kann man diese Resultate einordnen? Muss man befürchten, dass die hohe Fehlerquote gewisser Labore Menschenleben gefährdet hat? Oder in die andere Richtung: Wie viele teure Asbestsanierungen werden durch falsch positive Resultate verursacht?

Die Realität ist irgendwo dazwischen: Die Asbest-Exponierung ist im Durchschnitt heute schon recht gering. Wäre die Analytik besser, wäre sie wohl etwas geringer. Aber es wird durch diese Fehlern sicher nicht dutzende zusätzlicher Asbest-Opfer geben.

Besonders zu erwähnen ist die hohe Fehlerquote bei der Akustik-Platte, bei welcher acht der 34 Labore den vorhandenen Asbest nicht nachgewiesen haben (das sind 23.5 % der Labore). Diese Platten enthalten in der Regel den gefährlichen Amosit-Asbest. Bei einer guten Diagnostik werden hier aber in der Regel mehrere Proben genommen, was der hohen Fehlerquote entgegenwirkt.

Welches Ziel soll man anstreben?

Unbestritten ist, dass die Fehlerquote viel zu hoch ist. Auch unbestritten ist, dass eine Fehlerquote von null zwar wünschenswert, in der Praxis aber nie erreichbar ist. Aber was kann man von einem Labor erwarten?

Im Zusammenhang mit einem Artikel von 2017 haben wir damals drei Schweizer Labore befragt, wie hoch sie die Fehlerquote im Markt einschätzen. Die befragten Labore schätzten die Fehlerquote im Markt damals auf 0.1 bis 1 % (d. h. 1 Fehler auf 100 bis 1000 Proben).

Sind 0.1 bis 1 % aber realistisch? Insbesondere in Anbetracht der Schwierigkeit gewisser Analysen (heterogene Materialien, Asbest in geringsten Spuren, unklare Beurteilung von geogenem Asbest, ungenügende Menge an Probematerial) scheint uns dies eher unrealistisch.

Konsequenzen …

Beim Ringversuch 2019 handelte es sich um eine erste Standortbestimmung. Aufgrund dieser Erfahrung plant das FACH weitere solche "verdeckten" Ringversuche. Ab 2020/21 sollen nur noch Labore mit maximal 1 Fehler auf 20 Proben toleriert werden. Die Labore mit einer höheren Fehlerquote werden von der FACH-Liste gelöscht.

Welches sind darüber hinaus wünschenswerte Konsequenzen?

  • Verbesserung des Qualitätsmanagements in Laboren: Bereits die Vorankündigung einer anonymen Qualitätsüberprüfung hat bei den Laboren Aufmerksamkeit geweckt. Die Resultate wurden den Laboren bereits vor mehreren Monaten mitgeteilt. Es darf angenommen werden, dass die Labore mit ungenügenden Resultaten bereits Massnahmen ergriffen und dadurch die Fehlerquote verringert haben.
  • Ringversuche: Es hat sich gezeigt, dass die bestehende Qualitätssicherung in Laboren, durch "offene" Ringversuche (d. h. im Labor ist bekannt, dass die Proben für einen Ringversuch analysiert werden) als Mittel zur Qualitätssicherung alleine ungenügend sind. In diesem Sinne ist der in der Schweiz gewählte Ansatz mit verdeckten Ringversuchen auch auf internationaler Ebene zu empfehlen.
  • Normen und Qualitätskontrollen: Labore arbeiten in der Regel nach Normen. Das schlechte Resultat des Ringversuchs kann auch ein Hinweis darauf sein, dass die normativen Vorgaben für die Labore, und / oder die Kriterien für eine Qualitätszertifizierung ungenügend sind. Dies gilt insbesondere für die neuen Herausforderungen der Analyse von Verputzen und Spachtelmassen mit zum Teil extrem tiefen Asbestgehalten.
  • Probenahmestrategie: Für die DiagnostikerInnen ist es wichtig, die Resultate des Ringversuchs zur Kenntnis zu nehmen, denn die Anzahl Proben, die genommen werden müssen, hängt auch von der Zuverlässigkeit der Analytik ab. Nicht nur bei Verputzen, auch bei in der Regel homogenen Materialien, kann es durchaus angebracht sein, mehrere Proben zu nehmen. Dieser Faktor sollte auch bei normativen Vorgaben für die Diagnostik in Betracht gezogen werden, was heute nicht der Fall ist.

Schlusswort

Bereits in unserem Grundkurs zur Bauschadstoffdiagnostik ist die Qualitätssicherung ein wichtiges Thema. Wir fragen unsere Teilnehmenden nach ihrer Meinung, wie oft in der Diagnostik Fehler passieren, etwa vertauschte, falsch angeschriebene oder kontaminierte Proben, oder falsch in den Bericht übertragene Laborresultate. Aus der Diskussion geht dann meist hervor, dass die Gefahr von Fehlern bei den Diagnostikern wohl ähnlich hoch, wenn nicht noch höher, ist wie die im Labor.

Bevor man also auf die Labore zeigt und über die ungenügende Qualität flucht, muss jede und jeder, der Proben nimmt und sie ins Labor schickt, sich selber überlegen: Ist die Qualität meiner eigenen Arbeit genügend?

Es ist zu begrüssen, dass verdeckte Ringversuche auch weiterhin durchgeführt werden. Wenn wir etwas verbessern wollen, müssen wir die ganze Kette betrachten, und alle Beteiligten müssen sich für eine gute Qualität ins Zeug legen.

 

 

12.4.2020, Simon Schneebeli, Corin Gemperle
 

 

 


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