Was sind dioxin-ähnliche PCB, und wie bewertet man sie

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Simon Schneebeli; Oktober 28, 2019

PCB sind chemische Verbindungen, die in der Schweiz bis zum Verbot im Jahr 1972 (Umsetzung bis 1975) in vielen Anstrichen und Fugendichtungsmassen verwendet wurden. Noch bis 1986 wurde PCB-haltiges Öl in Transformatoren, Kondensatoren und Blindstrom-Kompensationsanlagen eingesetzt. Danach wurden sie verboten, denn die PCB gelten unter anderem als erbgutschädigend und krebserregend.

Mit dem Verbot von PCB in den siebziger resp. achtziger Jahren sind die PCB nicht einfach verschwunden. Wir finden sie auch heute noch in zahlreichen Baumaterialien und elektrischen Geräten aus der Zeit vor dem Verbot. Bei einem Gebäudecheck sollten die Baumaterialien entsprechend untersucht werden. Materialien, die PCB in relevanten Mengen enthalten, müssen vor den Um- oder Rückbauarbeiten sorgfältig entfernt werden.

Welche Massnahmen dabei getroffen werden, ist dabei gar nicht so klar. Einschlägige Richtlinien sind alle über 15 Jahre alt und gelten zumindest teilweise als veraltet. Neuere Vorgaben sind zumindest kurzfristig nicht in Sicht, auch wenn die Suva an dem Thema arbeitet.  

Zwei Arten, die Toxizität von PCB zu bestimmen

Der Grund, warum die bestehenden Richtlinien als überholt gelten, liegt darin, dass die humantoxische Wirkung der PCB gar nicht so klar ist. Insgesamt gibt es 209 PCB- Verbindungen, die alle ein Biphenyl-Gerüst besitzen, sich aber insbesondere im Chlor-Gehalt unterscheiden.

"Konventionell" wird die Konzentration von PCB via sechs "Indikator-Kongeneren" (iPCB) bestimmt, anhand von welchen auf die Gesamtkonzentration im Material hochgerechnet wird. Für diese gibt es sowohl in Bezug auf den Bevölkerungsschutz, als auch in Bezug auf den Arbeitnehmerschutz Grenzwerte (MAK-Wert). Für die Sanierung von PCB-haltigen Materialien, beispielsweise für Fugendichtungsmassen, liegen die Anforderungen an den Gesundheitsschutz in der Regel weit unter jenen, die etwa für die Sanierung von asbesthaltigen Materialien nötig sind.

Die Toxizität von PCB kann man aber auch anders bestimmen: Zwölf der insgesamt 209 PCB-Verbindungen gleichen jenen von Dioxinen und haben eine ähnliche toxische Wirkung. Man spricht von den dioxin-ähnlichen PCB (dioxin-like PCB oder dl-PCB). Deren Toxizität wird mittels "Toxizitätsäquivalenz TEQ" mit den Grenzwerten für das Seveso-Dioxin (2,3,7,8-TCDD) verglichen (siehe unten). Mit dieser Berechnungsart erhält man in der Regel Werte, die auf eine viel höhere Toxizität hinweisen. Dies kann dann heissen, dass bei einer PCB-Sanierung aufwändige Massnahmen, etwa Unterdruckzonen wie bei einer Asbestsanierung, durchaus angebracht sind.

Toxizität von Dioxinen: nicht ganz unumstritten

Verschiedene Behörden in der Schweiz und im Ausland zögern, die Humantoxizität von PCB über die TEQ im Vergleich zu Dioxin zu definieren. Die Folgen einer solchen Entscheidung wären in der Tat weitreichend: Die Sanierungskosten würden massiv zunehmen, Abfälle müssten viel aufwändiger behandelt werden, und ev. könnten viele Nahrungsmittel, selbst Trinkwasser, plötzlich nicht mehr als sicher angesehen werden.
Die Bestimmung der Humantoxizität via dl-PCB hat aber noch einen anderen Haken: Die langfristige Humantoxizität von Dioxinen ist umstritten. Weder die erbschädigende Wirkung, noch die Karzinogenität beim Menschen, sind eindeutig nachgewiesen. Auch kann man heute noch nicht mit Sicherheit sagen, ob Dioxine wirklich Missbildungen beim Nachwuchs auslösen können (teratogene Wirkung).

Bei der Festlegung der empfohlenen akzeptablen täglichen Dosis durch die WHO wurde äusserst vorsichtig vorgegangen und bewusst von der schlimmstmöglichen Situation ausgegangen. Insbesondere wurde in Betracht gezogen, dass:

  • die Daten zu den Gesundheitsfolgen der Dioxine sehr unsicher und variabel sind.
  • sich die Stoffe im Körper ansammeln können (Bioakkumulation) und sich die Wirkung über die eigentliche Tagesdosis hinaus verstärken kann.
  • die Menge von Dioxinen und dioxin-ähnlichen Verbindungen im Körper von Müttern, die ein Leben lang exponiert waren, deren Reproduktion und die Entwicklung ihrer Kinder beeinträchtigen kann. Demnach müssen (werdende) Mütter besonders geschützt werden.

Man ist also tendenziell auf der sicheren Seite, auch wenn man sich nicht 100 % sicher ist. Es gibt durchaus auch Stimmen, welche strengere Grenzwerte fordern, etwa für Nahrungsmittel.

Zusammenfassung und Schlussfolgerung

Zusammenfassend und stark vereinfacht kann gesagt werden, dass:

  • es heute zwei Möglichkeiten gibt, die Gefährdung durch PCB zu bestimmen, welche dann zu ganz anderen Schlussfolgerungen führen können.
  • die Toxizität von Dioxinen und dioxinähnlichen Substanzen nicht unumstritten ist. Die bestehenden Empfehlungen sind in der Regel sehr "vorsichtig" definiert, damit auch werdende Mütter, resp. deren zukünftig möglichen Kinder, nicht gefährdet sind.

Was heisst das in der Praxis? Kann man sich auf die bestehenden Grenzwerte für PCB berufen? Oder soll man tendenziell übervorsichtig sein und mit dem Toxizitätsäquivalenz zum Dioxin 2,3,7,8-TCDD rechnen?
Sollte man bei einer Sanierungsbaustelle eine Entscheidungsbefugnis diesbezüglich haben, ist man wohl sowohl aus rechtlicher, wie auch aus arbeitshygienischer Sicht gut beraten, die Sache frühzeitig mit den zuständigen Behörden abzusprechen.

Toxizitätsäquivalenz TEQ

Die einzelnen Kongenere der PCB, wie auch der Dioxine, unterscheiden sich in ihrer Toxizität für den Menschen beträchtlich. Diese Toxizität wird relativ zum Dioxin 2,3,7,8-TCDD zugewiesen, daraus entsteht ein Toxizitätsäquivalenzfaktor (TEF). Die Gesamttoxizität eines PCB-Gemisches wird dann als Summe der Konzentrationen, multipliziert mit den TEF berechnet und als Toxizitätsäquivalent (TEQ) ausgedrückt, etwa als pg TEQ/g.

TEQ Toxizitaetsaequivalenz Dioxinähnliche PCB Dioxine

Die von der WHO als weitgehend unproblematische "akzeptable tägliche Aufnahmedosis", sowie die MAK-Werte für PCB und 2,3,7,8-TCDD.

Grenzwerte für PCB und Dioxin

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