Data-Mining: Labordaten zum Asbest im Verputz

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Simon Schneebeli; Februar 01, 2022

Wie häufig enthält Verputz Asbest? Gibt es regionale Unterschiede? Daten von Laboren können zu solchen Fragen gewisse Hinweise geben.

Das Asbest-Labor Analysis-Lab aus Biel hat uns repräsentative Daten zum Thema Verputz zur Verfügung gestellt. Analysis-Lab ist mittlerweile wohl das grösste Asbest-Labor in der Schweiz sowie eines der wenigen, das sowohl Proben aus der Deutschschweiz als auch aus der Romandie und dem Tessin analysiert.

Wie gross ist der Anteil an Verputz-Proben im Vergleich zur gesamten Anzahl Proben?

Insgesamt verfügt das Labor Analysis-Lab über Daten von über 100'000 Analysen von Materialproben. Bezüglich Verputz zeigt sich:

  • Deutschweiz: 29% der untersuchten Materialproben sind von Verputz (Stichwort «Putz»)

  • Romandie: Hier sind nur 12% der untersuchten Proben Verputz (Stichwort «crépi»)

  • Tessin: Hier sind es 20% (Stichwort «intonaco»)

Dass in der Deutschschweiz fast 30% der genommenen Proben von Verputz sind, erstaunt auf den ersten Blick. Gleichzeitig findet man hier in vielen Gebäuden eine grosse Vielfalt an Verputzen, oft sogar über mehrere Schichten. Diese Vielfalt erfordert, dass sogar im gleichen Raum mehrere Proben genommen werden müssen (z.B. Wandputz, Deckenputz, Verputz in der Heizungsnische) und führt zu deutlich mehr Proben von Verputz, als etwa von Fliesenklebern.

Demgegenüber ist der Anteil an Verputzproben zur gesamten Menge der genommenen Proben in der Romandie mit nur 12% auffällig niedrig. Teilweise erklären lässt sich dies wie folgt: Der übliche französische Begriff für Verputz ist «crépi». Aber: Man verwendet manchmal auch den Ausdruck «enduit» (theoretisch entspricht dies dem Grundputz), oder die Diagnostiker sprechen von «peinture» (Anstrich), wenn es um einen Glattputz geht. Lässt sich damit erklären, dass in der Romandie so viel weniger Verputz-Proben genommen werden? Alleine aufgrund der Daten vom Labor lässt sich dazu keine Aussage machen.

Wie gross ist der Anteil der Verputzproben, die Asbest enthalten?

  • Deutschweiz: In der Deutschweiz enthalten 9 % der untersuchten Verputz-Proben Asbest. Das in Lenzburg ansässige Labor Aatest bestätigt, dass auch bei ihnen ca. 9% der untersuchten Verputzproben Asbest enthalten.

  • Romandie: In der Romandie sind es nur 5%, die Asbest enthalten. Das in Lausanne ansässige Labor Microscan kommt auch hier auf ähnliche Zahlen.

  • Tessin: Im Tessin sind es gar nur 3% der Verputze.

Wie kommt es zu solchen Abweichungen? Die wohl wahrscheinlichste Erklärung ist, dass es starke regionale Unterschiede bei den eingesetzten Verputzen gab, dass also Firmen in der Romandie und im Tessin deutlich häufiger Verputze ohne Asbest verwendeten als in der Deutschschweiz (fast doppelt so häufig).

Eine andere Erklärungsmöglichkeit: Wenn pro Gebäude mehr Proben genommen werden, findet man wohl auch häufiger widersprüchliche Resultate. Die «Good Practice» in solchen Fällen ist dann, dass man viele zusätzliche Proben nimmt, um die Resultate zu bestätigen und genauer festzulegen, wo was saniert werden muss. Solche Nachuntersuchungen finden aber vor allem dann statt, wenn bereits in einer lokalen Probe Asbest festgestellt wurde.

Der Anteil an asbest-positiven Resultaten steigt also mit der Anzahl Proben. Dieser Effekt dürfte aber gering sein. Die Haupt-Erklärung bleibt also, dass es tatsächlich grosse regionale Unterschiede gibt.

Differenzen in der Analytik bei Analysis-Lab sind übrigens keine Erklärung: Alle Materialproben werden mit dem gleichen Verfahren vom gleichen Team am Hauptsitz in Biel analysiert.

Schlussfolgerungen

Für jene Personen, die immer noch denken, dass Verputz fast nie Asbest enthält: Das ist definitiv nicht so! Wie im Fall von Fliesenkleber, muss auch bei Verputz jedes Vorkommen beprobt werden.

Bezüglich der Anzahl Proben: Schaut man die Vielfalt an Verputzen an, dann ist es selbst bei einem Einfamilienhaus sehr gut möglich, dass man gleich viele, wenn nicht noch mehr Proben von Verputz nehmen muss, als von Fliesenkleber.

Die technische Referenz Polludoc verlangt grundsätzlich, dass eine Probenahmestrategie entwickelt und im Diagnosebericht nachvollziehbar dokumentiert wird. Als Grössenordnung gibt Polludoc vor, dass bei einem Einfamilienhaus 5 bis 8 Proben zu nehmen sind, und bei einem Mehrfamilienhaus mit 20 baugleichen Wohnungen zwischen 10-24 Proben.

Abschliessend ist es angebracht, auch die Laborresultate zu hinterfragen: Es ist bekannt, dass die Fehlerquote für Verputze wohl je nach Labor bei bis zu 10% liegen kann. Dazu kommt eine wohl ähnlich grosse Fehlerquelle bei der Diagnostikerin oder dem Diagnostiker. Ein kritisches Hinterfragen der Laborresultate und gegebenenfalls Nachbeprobungen führen zwar zu einer teils sehr hohen Anzahl von Verputzproben, ist aber aufgrund der potentiell hohen Sanierungskosten durchaus sinnvoll.

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